Gedenkrede Bürgermeister Dirk Noll 

Liebe Mitbürgerinnen, liebe Mitbürger,  

jedes Jahr in der dunklen Zeit erinnern wir uns am Volkstrauertag der Toten der Weltkriege. Wir sollen und wollen diese Toten ehren, die sehr oft nicht freiwillig das Opfer ihres Lebens gebracht haben. Was sie gedacht oder gefühlt haben, was sie bewegt und motiviert hat, wissen wir meistens nicht. Unser Gedenken hängt auch nicht davon ab, ob wir ihren Vorstellungen oder Gefühlen zustimmen. Es ehrt vielmehr das Leid, das Opfer, das Unglück, das sie tragen mussten, und es ehrt darin prinzipiell die Würde und die Unersetzbarkeit ihrer Person. Das ist die Grundüberzeugung unserer Kultur, die sich auf die Menschen- und Bürgerrechte jedes Individuums gründet, nicht auf besondere Missionen oder Privilegien von Nationen oder Staaten.

Über viele Jahre hinweg ist aus der Trauer um die Toten und aus ihrer Würdigung immer wieder das Bedürfnis entstanden, ihr Opfer auch dadurch zu ehren, dass man Gründe für die Rechtfertigung ihres Todes vortrug. Damit hat man häufig auch die Gründe für die Kriege, denen sie zum Opfer gefallen sind, gerechtfertigt. Damit können wir heute nicht fortfahren, wir müssen es vielmehr in Zweifel ziehen. Wir müssen uns der herausfordernden Wahrheit stellen, dass wir Leid und Opfer von Menschen wegen ihrer Würde ehren, auch wenn sie in einem nicht zu rechtfertigenden Krieg gestorben sind. Auch, wenn sie aus heutiger Sicht ein sinnloses Opfer gebracht haben.

Es ist nicht einfach, weil es so scheinen könnte, dass mit der Infragestellung der ,,objektiven“ Rechtfertigung der Kriege und der mit ihnen verbundenen Opfer auch deren Würdigung verloren ginge. Aber das stimmt nicht. Denn die moralische Würdigung der Personen, die sich geopfert haben oder sich opfern mussten, ist unabhängig von der Berechtigung der Entscheidung, die in die Kriege geführt haben.

Diese Unterscheidung ist sogar umgekehrt notwendig, wenn wir – auch und gerade um der Opfer willen – Schlussfolgerungen zum Volkstrauertag ziehen wollen, die für die Zukunft sinnlose Kriegsopfer vermeiden helfen.

Die resignative Idee, dass es eben immer Kriege geben werde und man sie deshalb hinnehmen müsse, wird dem grauenhaften Geschehen, dem Leid und den oft ungesühnten Verbrechen, denen Kriege den Boden bereiten, nicht gerecht. Im Ursprung der Kriege des 20. Jahrhunderts, die zwischen Nationalstaaten ausgefochten wurde, lagen in der Regel Verblendungen und einseitige Einschätzungen. Oft wurden historische Ansprüche auf Länder und Reichtümer oder missionarische politische Ziele ins Feld geführt.

Mit historischem Abstand betrachtet, trafen sie nur in seltenen Fällen zu. Allerdings müssen wir Deutsche uns immer wieder ins Gedächtnis zurückrufen, dass insbesondere der Zweite Weltkrieg als Angriffskrieg gegen unsere überfallenen Nachbarn ihnen keine andere Wahl ließ, als sich gegen die deutsche Aggressionen und Besatzung mit Waffengewalt zu wehren.

Aber die Zuspitzungen in der Vorkriegszeit, welche die Kriegsgefahr immer erhöhten, das leichtfertige Schüren nationaler Vorurteile und Ressentiments – sie haben ihren Ursprung in der Unfähigkeit oder im mangelnden Willen zur Verständigung. Immer wieder fehlt es in Europa an der Bereitschaft, die Perspektive, die Wahrnehmung, die Erfahrung, die Sichtweise der Nachbarn, die uns ganz fremd zu sein schienen, zu verstehen.

Mit wie viel Geringschätzung sind zum Beispiel Deutsche zwischen den Weltkriegen ihren polnischen oder auch russischen Nachbarn begegnet. Reste dieser schlimmen Mentalität bestehen immer noch, aber sie sind doch durch intensives gegenseitiges Kennenlernen und durch historische Forschungen und Auseinandersetzungen deutlich zurückgegangen.

Leider hat es in den letzten Jahren eine Renaissance von nationalen Vorurteilen gegeben. Gerade bei uns in Deutschland sind Selbstherrlichkeit und Überlegenheitsdünkel wieder erstanden. Die das vorangetrieben oder nahegelegt haben, sind der historischen Versuchung der Deutschen erlegen, den Wert von Menschen und Gesellschaften nicht an ihrem demokratischen Wertebewusstsein, an ihrer Kultur, an ihrem Freiheitswillen oder ihrer Kreativität zu messen, sondern an ihrer wirtschaftlichen Effizienz.

Der Volkstrauertag gibt uns einen wichtigen Anstoß, diesen Irrweg um des Leids der europäischen Weltkriegsopfer willen, entschieden zu verlassen im Sinne der Maxime, die Immanuel Kant für den Gemeinsinn formuliert hat: „Uns jederzeit an die Stelle der anderen zu setzen, um ihnen Gerechtigkeit widerfahren zu lassen.“  

 

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