FRIEDEWALD REPORT #4: EINE MILLIARDE STERNE

17.11.2020

Als Writer-in-Residence verbringt Felix Krakau im Auftrag des Hessischen Literaturrats den Herbst in Friedewald und macht sich hier auf die Suche nach den verborgenen Geschichten der Gemeinde, nach vergangener und zukünftiger Historie. Wöchentlich wird es unter dem Titel „FRIEDEWALD REPORT“ kleine literarische Einblicke, Gedanken und Alltagsbeobachtungen geben. Schnellskizziertes aus dem Notizbuch eines Autors, ohne Anspruch auf Wahrhaftigkeit.

Die alte Sternwarte ist nicht mehr in Betrieb, das Gewerbegebiet würde den Himmel zu stark aufhellen. Wegen Takko erkennt man jetzt den Großen Wagen nicht mehr. Ich weiß aber ehrlich gesagt nicht, ob es hier Takko gibt und auch den Großen Wagen könnte ich nicht identifizieren. Kaum zu glauben, dass es Menschen gibt, die hauptberuflich in die Sterne gucken. Jetzt vertreiben sich hier höchstens noch Jugendliche die Zeit mit Alkohol. Immerhin: sternhagelvoll an der Sternwarte. Dieses blöden Witz werde ich mir auf gar keinen Fall notieren. Ich denke wieder darüber nach, einen Coming-of-Age-Roman zu schreiben. Die Sternwarte wäre unbedingt ein Schauplatz. Hier würden die Hauptfiguren regelmäßig abhängen oder auch nur ein paar Mal im Jahr, vielleicht an Silvester oder traditionell an den Geburtstagen, vielleicht hätten sie Sternbilder-Saufen erfunden, für jedes erkannte einen Shot oder besser direkt mal zwei, sonst wird man ja nicht betrunken. Vielleicht wäre es der Tag vor (nennen wir sie mal) Mollies Geburtstag und (nennen wir sie mal) Ada und Emre und Alexej hätten sich vorgenommen, an der Sternwarte reinzufeiern. Emre hätte vorgeschlagen, vorher noch einen Schlenker in den Nachbarort zu machen, es wäre ja noch früh und da wäre heute eine Scheunenparty und Scheunenpartys sind schließlich absolute Highlights: Horden von Menschen im so ca. gleichen Alter, bestimmt Büffet und vielleicht die Option auf n bisschen knutschen, perfekt also. Emre hätte Mollie fahren lassen, die hätte zwar keinen Führerschein, aber dafür Geburtstag. Alle wären recht relaxed dafür, dass sie angesichts einer bestimmt schon angetrunkenen Fahrerin (die Handlung hätte um Einiges früher eingesetzt) eigentlich Todesangst hätten haben müssen. Bei ihrer Ankunft wäre alles genauso, wie sie es sich vorgestellt haben: draußen lägen schon die Ersten ausgeknockt auf der Wiese, aus dem Innenraum schallten die geballten Neunziger und vor der Tür stünde der vermutlich Vater des Gastgebers, vom Typ her gut laufendes Architekturbüro mit wallendem weißen Haar und würde dabei mit jeder Pore seines Körpers ausstrahlen, dass das alles total easy für ihn wäre. Auf der Party wäre Alexej sofort Mittelpunkt des Geschehens, er hätte ein quasi natürliches Talent dafür, Aufmerksamkeit zu erregen und trüge ein vollkommen anderes Outfit als noch bei der Hinfahrt (von dem niemand wüsste, woher er es hätte) und unterhielte weitläufig gestikulierend einen Pulk von Partypeoples. Ansonsten gäbe es Bacardi-Rutschen, Limbo-Wettbewerbe und – je nach dem – verschämte oder unappetitliche Versuche des Flirtens, also genau den Scheunenparty-Wahnsinn, auf den sich alle eingestellt haben. Dann würde Emre auffallen, dass Ada heute wirklich gut aussah, er würde denken, dass sie natürlich schon immer sehr schön war, aber dass es doch was Fesches hatte, wie sie da gerade an der zusammengezimmerten Bar lehnte und mit einem Lackaffen sowas wie Smalltalk betrieb und dann hätte er, doch ja, sowas wie eine kleine Eifersucht gespürt, nicht wirklich nagend, aber doch wahrnehmbar und davon war er durchaus verblüfft und diesen Gedanken hätte er gerne weiterverfolgt, wenn ihm nicht schlagartig klar geworden wäre, dass Alexej wieder irgendeine monumentale Scheiße gebaut haben musste, als er auf Emre zulief und sagte „komm wir gehen“, worauf Emre sagte „aber jetzt geht’s doch gerade erst los, ich wollte mir gerade einen Song wünschen“ und wiederum Alexej entgegnete „ne ne, wir müssen jetzt gehen“ und das in einem Tonfall als würde er dem US-Präsidenten mitteilen, dass sie jetzt sofort in den Atomschutzbunker müssten und an dem Szenario hätte Emre direkt große Freude gehabt. Er wäre also darauf eingestiegen und hätte viel zu energisch gerufen: „wir müssen hier weg, wir müssen hier weg“ und gemeinsam hätten sie sich die Anderen geschnappt, die absolut gar nichts gecheckt hätte, aber viel zu verwirrt gewesen wären von der immensen Aufbruchsenergie, um sich zu widersetzen und so wären sie gerannt als wäre ein Feuer ausgebrochen oder als hätte jemand die Hunde losgelassen und so wären sie gerannt und gerannt und hätten sich nach ein paar hundert Metern auf der nächsten Wiese ins Gras fallen lassen. Mollie hätte gefragt „was war das denn jetzt“ und Alexej hätte „ach, ich wollte halt gehen“ geantwortet und allen wäre klar gewesen, dass keine Nachfrage gestattet war und dieses große Geheimnis hätte sich auch niemals aufgelöst. Es wäre ein absolut makelloser Abend gewesen und bestimmt der beste Geburtstag seit Langem. Sie würden sich fragen, wie viele Sterne das wohl über ihnen wären und sie würden raten eine Million oder auch zehn Millionen, aber auch das würde ihnen noch zu wenig vorkommen und dann würden sie sagen, bestimmt eine Milliarde und damit hätten sie sich erst mal zufrieden gegeben. Zur Sternwarte hätten sie es nicht mehr geschafft.