FRIEDEWALD REPORT #2: UNSICHTBARE PALÄSTE

19.10.2020

Als Writer-in-Residence verbringt Felix Krakau im Auftrag des Hessischen Literaturrats den Herbst in Friedewald und macht sich hier auf die Suche nach den verborgenen Geschichten der Gemeinde, nach vergangener und zukünftiger Historie. Wöchentlich wird es unter dem Titel „FRIEDEWALD REPORT“ kleine literarische Einblicke, Gedanken und Alltagsbeobachtungen geben. Schnellskizziertes aus dem Notizbuch eines Autors, ohne Anspruch auf Wahrhaftigkeit.

Ich stehe auf dem letzten Feierabendmarkt des Jahres, habe das ca. dritte Bier getrunken und tippe das Wort „Wüstung“ in meine Handynotizen, das ich hier neu gelernt habe. Gerade ist es mir wieder in den Sinn gekommen und ich schreibe es auf, damit es da bleibt. Ich drehe und wende das Wort in Gedanken: Wüstung. Verlassenes Gelände, vergessene Ortschaft, nur noch dokumentiert von Schriften und Gerüchten, Überresten und Überlieferung. Zurückgelassene Orte, die keine neuen Geschichten mehr produzieren werden. Abgetragenes Leben, das fragen lässt, wie es wohl gewesen war und was hätte sein können. Ich denke an Hammundeseiche, zwischen Wildeck und Friedewald im Seulingswald, verlassen seit Dreizehnhundertirgendwas. Ein ehem. Dorf, jetzt lieblos in der Landschaft verblieben. Früher hat es dort Feste gegeben und Jagden, nach Rothirschen, Wildschweinen, aber auch Luchse waren zu finden. Heute erzählt nur noch Stückwerk dort von Vergangenheit. Friedwald war damals stolzer Fixpunkt, mit der Burg als Zentrum. Die, immerhin, ist noch da. Einige Autominuten entfernt, das Wildecker Tal. Mit einer kleinen Reisegruppe war ich dort, das Wetter meinte es mittelgut mit uns. Kein Regen, wenigstens das. Auch hier: eine Landschaft im Konjunktiv: es habe gegeben und es hätte geben können. Landschaftsbeschreibung als Möglichkeitsform. Ich höre, dass dort dieses gewesen wäre und drüben jedes, ich höre von Schlössern und Palästen, von Gebiet und Besitz, von Laisser-faire und Liebesspiel, es wird gesprochen vom Hessischen Sanssouci und ich sehe davon: nichts. Bloß weites Grün und Bäume und Wasser. Die Vergangenheit als Behauptung. Ich projiziere Bilder in die Gegend, die mit der Wahrheit wenig zu tun haben, aber für mich haben sie, in diesem Moment, Bestand. Imagination und Gebietsansprüche kennen keine Grenzen.

So ist sie, die Geschichte. Lebt nur von Erzählung, lässt sich weitertragen, macht nichts von allein. Braucht den Boten, den Wirt, muss auf die Schultern genommen werden und aufs Podest gehoben werden: da lässt sie sich dann bewundern und beschreiben, im gänzlich neuen Licht ansehen. Am liebsten lässt sie sich aber von den Gewinnern erzählen, von den Siegreichen und Bekränzten, im Lichte des Triumphs gefällt sie sich am besten und wer kann ihr das schon verdenken. Bis dann nach ein paar Jahren oder Jahrzehnten oder auch Jahrhunderten ein anderer kommt, mit neuen Quellen und Verweisen und die Geschichte einmal um die eigene Achse dreht: so dass eine neue Erzählung daraus wird, mit anderen Menschen und Perspektiven und etwas Neues dann auf dem Sockel steht. Immer wieder Wiederaufbau. Ein Stein auf den anderen und ein Wort nach dem Nächsten, Sprache und Ruinen. Bis alles wieder einstürzt oder eingerissen wird, von Zeit zu Zeit, Historie als fragiles Konstrukt. Manche kommen dabei unter die Räder, die werden von der Zeit gefressen, vergessen, verbuddelt und nie wieder urkundlich erwähnt. Gewinner schreiben die Geschichte und für Loser ist dabei kein Platz. Wer denkt schon noch an die Neffen x-ten Grades, an die Zofen, an all die, die es nicht fertig gebracht haben, sich aus dem Schatten heraus in die Annalen einzuschreiben. Biografische Kollateralschäden. Der Feierabendmarkt leert sich, es ist kalt geworden. Auch dieser Markt trägt sich ab. Eine Wüstung, schon bald. Vergessenes Gebiet. Ich lösche meine Handynotiz und kaufe noch schnell eingelegte Tomaten, Oliven und ein paar Dips. Um mich herum: Gewusel und Paläste.