„Friedewald Report #!: Der Himmel über EDEKA“!

09.10.2020

Als Writer-in-Residence verbringt Felix Krakau im Auftrag des Hessischen Literaturrats den Herbst in Friedewald und macht sich hier auf die Suche nach den verborgenen Geschichten der Gemeinde, nach vergangener und zukünftiger Historie. Wöchentlich wird es unter dem Titel „FRIEDEWALD REPORT“ kleine literarische Einblicke, Gedanken und Alltagsbeobachtungen geben. Schnellskizziertes aus dem Notizbuch eines Autors, ohne Anspruch auf Wahrhaftigkeit. 

Nach sechs Stunden Fahrt und vier Umstiegen, drei Coffee-to-go, fünfzehn SMS und zig Gedanken, sitze ich endlich im 100er-Bus ab Bad Hersfeld. Ein kurzer Nap, ich habe nicht auf die Uhr geguckt, da tut sich hinter den Bäumen schon die Gemeinde auf: Friedewald. Ich habe gehört von Seulingswald und Kuppenrhön, von Burgen und Ruinen, von Gemäuern und Gewässern, von Mythen und Überlieferung, von geschlagenen Schlachten und zerstörten Burgen, von dem dritten Heinrich und seinem Jagdschloss & dem Sohnemann – Wilhelm – der die Marburger Linie unweit von hier im Sturz vom Pferd erlöschen lies. Ich habe gehört von Hammundeseiche, von Wüstungen, verlassenem Gelände, angedeutetem Gebiet, ich habe gehört von Getuschel und Geraune, von der Zukunftsgemeinde mit Vergangenheit – all das war der Ruf von Friedewald, der über die Landstraßen und durch die Täler und schließlich über die Autobahn vom Hessischen bis nach NRW an meinen Düsseldorfer Schreibtisch drang, von dem aus bei Nacht & Nebel die Bewerbung abgeschickt wurde, die mich wiederum jetzt hier an den Fuß des Dreienbergs bringt.

 

Ich steige aus dem Bus, die Abendstimmung ist makellos. Um mich herum Historie, vor mir die Sparkasse. Ich bin angenehm darüber verwirrt, was als Erstes zu tun wäre und entscheide mich dafür, zunächst wahllos Fotos der verschiedensten Motive (Kirche, Burg, Katze, Traktor) zu machen und sie an ausgewählte Freund*innen zu schicken. Nach dem ersten positiven Feedback mache ich mich auf die Suche nach dem Apartment, das ich ab heute zwei Monate bewohnen werde, und bin damit auch zügig erfolgreich. Ich werfe mich aufs Sofa. Hier, in Friedewald, werde ich in den nächsten Wochen, Monaten also leben und schreiben, spazieren und der Gegend begegnen, ich werde mich fragen, was es heißt, sich in Landschaft einzuschreiben und wie zeitgenössisch Historie zu erzählen ist, wo zu starten ist und wo zu enden, welche Gipfel ich noch besteigen und welche Wälder ich durchwandern werde. Das alles frage ich mich, während ich ungelenk auf dem Sofa liege und dann frage ich mich, wo denn eigentlich der nächste Supermarkt ist. Die Hönebacher runter, dann rechts, sagt Google, und Google sollte wie immer Recht behalten. 

Ich stehe vor Edeka und starre in den Himmel. Es ist dunkel geworden. Es sieht aus, als würde die Landschaft genau hier enden. Als wäre dieser Edeka das letzte Wegzeichen auf langer Reise. Das Logo strahlt blau und gelb in die Nacht. Ein Leuchtturm für Reisende. Ein Wahnsinnsbild. Ich denke Der Himmel über Edeka und dann denke ich Über Edeka muss die Freiheit wohl grenzenlos sein und dann wird’s mir zu albern und ich mache noch ein Foto für meine Freund*innen. Auf dem Parkplatz drei PKWs, der Traktor von vorhin und zwei Jugendliche, die sich irgendwie aufs Maul hauen. Den Grund des Streits kann ich nur erahnen. Ich kaufe ein, was man eben so einkauft und bin zufrieden mit meiner Auswahl. Die Jugendlichen haben sich verzogen, ob versöhnt oder immer noch im Streit. Ich werde noch viele Fotos machen. Zurück in der Wohnung setze ich mich aufs Bett. Ein erster Tag, absolut nix auszusetzen. Ich mache ich mir ein Bier auf, das ich vergesse zu trinken und schlafe sofort ein.