Volkstrauertag 17. November 2019

18.11.2019

Gedenkrede von Bürgermeister Dirk Noll

am Ehrenmal auf dem Friedhof Hillartshausen

 

Liebe Mitbürgerinnen, liebe Mitbürger,

am Volkstrauertag gedenken wir der Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft aller Völker und Nationen. Gerade heute, wo rechte Kräfte die dunklen Seiten der Deutschen Geschichte nur allzu gerne relativieren wollen, ist es wichtig, sich zu erinnern!

Nur wer sich erinnert, kann aus der Vergangenheit lernen, um eine bessere Zukunft zu gestalten. Deshalb verdient es jede Geschichte, erzählt zu werden, und jedes Opfer verdient es, dass man sich seiner erinnert.

In diesem Jahr blicken wir besonders auf unser Nachbarland Polen. Am 1. September 1939 überfiel Deutschland Polen.

Als Tag des Beginns des Zweiten Weltkrieges mag dieses Datum noch geläufig sein. Doch was in den Jahren der anschließenden Besatzung geschah, ist vielen in Deutschland kaum bewusst.

Das polnische Leid war unvorstellbar. Die Polen wurden in der Nazi-Rassenideologie als minderwertige Rasse betrachtet. Sie sollten als Sklavenvolk gehalten und ihr Land als Lebensraum für Deutsche genutzt werden. Gleich nach dem Überfall wurde begonnen, tausende Angehörige der polnischen Eliten systematisch umzubringen. Die Deutschen führten eine Schreckensherrschaft voller Willkür, Terror und Gewalt über das polnische Volk. Vertreibungen, Plünderungen, Massaker, Verschleppung von Zwangsarbeiten und hemmungslose materielle Ausbeutung waren allgegenwärtig.

Das Eingeständnis der eigenen Schuld und Verantwortung, sei es individuell oder als deutsche Nation, war ein langer, ausgesprochen schmerzhafter Prozess. Nach und nach fanden unzählige Geschichten ans Licht und ins kollektive Bewusstsein – Geschichten millionenfacher und unmenschlicher, entsetzlicher Gräuel. Geschichten schier unfassbarer Tragödien, aber auch Geschichten des stillen oder offenen Widerstands.

Dass wir inzwischen in der Aufarbeitung unserer eigenen Nazi-Vergangenheit so weit gekommen sind, ist nicht etwa eine Schande, sondern etwas, worauf wir stolz sein können. Die frische Erinnerung an die grauenhaften Geschehnisse der NS-Zeit und auch die Teilung Europas nach 1945 ließen eine deutsch-polnische Versöhnung schwierig erscheinen.

Bewegung kam zuerst aus kirchlichen und zivilgesellschaftlichen Kreisen. Die Ostpolitik Willy Brandts öffnete neue Türen.

Doch erst nach den demokratischen Umbrüchen in Polen und dem Ende der Teilung Deutschlands und Europas konnte auch die politische Versöhnung, basierend auf dem deutsch-polnischen Grenzvertrag und dem Nachbarschaftsvertrag, wirklich gelingen.

Dass wir auch in der Versöhnung mit unseren polnischen Nachbarn so weit gekommen sind, sollte uns mit großer Dankbarkeit erfüllen. Heute leben wir mit ihnen in eng verwobener Partnerschaft im geeinten Europa zusammen. Wir haben einen regen grenzüberschreitenden Austausch, ein großes Netz an wirtschaftlichen, freundschaftlichen und familiären Verbindungen. Ja, sogar deutsche und polnische Polizisten und Soldaten trainieren und arbeiten heute gemeinsam. Niemand hätte dies noch vor wenigen Jahrzehnten für denkbar gehalten.

Dass der Schmerz über die Kriegsgräuel in Polen bis heute immer wieder mitschwingt, überrascht nicht. Und dass es auf polnischer Seite auch Unmut über deutsche Unkenntnis oder fehlende Präzision in der Geschichtsdarstellung gibt, kann ich zu einem guten Teil nachvollziehen.

Deshalb müssen wir uns der Frage nach angemessenen Formen des Erinnerns und Gedenkens immer wieder neu stellen. Nur indem wir uns auch den Erinnerungen unserer Nachbarn öffnen, wirklich zuhören und zum Lernen bereit sind, kann unser eigenes Geschichtsbild angemessener werden.

Unter anderem der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge leistet im Sinne von Erinnerung und Versöhnung eine elementar wichtige Arbeit, sowohl mit dem Dienst an den Kriegsgräbern und auch mit der intensiven, internationalen Jugendarbeit.

Am 27. Januar 2000 sagte der große Elie Wiesel vor dem Deutschen Bundestag:

„Wer sich dazu herbeilässt, die Erinnerung an die Opfer zu verdunkeln, der tötet sie ein zweites Mal.“

Und genau deshalb sind die Bereitschaft zur Erinnerung und die daraus resultierende Bereitschaft zur Übernahme von Verantwortung eine Bürgerpflicht. Nehmen wir diese Pflicht ernst!